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Helmut Schießl im Interview

Helmut Schießl im Interview

Helmut Schießl lacht am Telefon, als ich ihn frage, wo es denn zur Zeit am meisten zwickt. Ich meine diese Frage nicht böse, sondern stelle sie vielmehr aus einem starken Interesse heraus. Ich habe ihn als begeisterten und ambitionierten Sportler erlebt, der mir frei das Du angeboten hat. 

Der Ingolstädter („Ich bin ein echter Schanzer“) ist Jahrgang 1947 und heute 71 Jahre alt. Als Maschinenbautechniker war er im Berufsleben hauptsächlich im Büro aktiv. Auch deshalb hat er die in jungen Jahren entwickelte Leidenschaft für den Fußball später in verschiedenen Hobbymannschaften fortgesetzt. Er wechselte jedoch die Sportart – 20 Jahre lang sollte Tennis sein neues Hobby sein. Eine schwere Knieverletzung mit anschließender OP zwang ihn jedoch dazu umzudenken – er wechselte im Alter von 55 Jahren zum Laufen.

Zunächst begann er nur für sich zu trainieren zusammen mit einem guten Freund, wobei die Strecken meist zwischen 5-10km variierten, immer um den Baggersee. Auslöser hierzu war ein Versprechen mit einem Freund an Silvester 2000: Jeden Samstag gemeinsam laufen. Als sein Freund verstorben war, gelangte er über ein paar Fügungen mit 68 Jahren zum SportIN-Lauftreff.

Ich habe mit Helmut Schießl über verschiedene Themen gesprochen – hier das Interview.

Welche Schwierigkeiten/Herausforderungen gibt es aus deiner Sicht für Läufer in hohen Altersklassen?

„Ich glaube die größte Herausforderung ist, sich nicht übermäßig zu motivieren bzw. falsch zu motivieren. Das heißt, dass man sich nicht mit wesentlich jüngeren Läufern messen sollte. Außerdem ist es wichtig, die Regenerationszeiten einzuhalten – diese sind bei mir länger geworden. Auch merke ich nach Wettkämpfen, dass meine Beine schwerer sind und ich müder bin. Mir fehlt dann die Spritzigkeit. Ich muss einfach auf mein Gefühl hören.“

Welche Chancen siehst du auf der anderen Seite?

„Ich habe deutlich mehr freie Zeit in denen ich mir meine Läufe einteilen kann. Weiter sind die Erfolgsaussichten sehr gut, es gibt in dieser Altersgruppe keine große Läuferdichte mehr.“

Was hat sich im Laufe deines Sportlerlebens verändert?

„Ich habe gelernt, die Sportart an die Lebens- und Gesundheitsumstände anzupassen. Beim Fußball war mir irgendwann das Verletzungsrisiko zu hoch. Und beim Tennis konnte ich dann nicht mehr dabei sein, da das Stoppen aus vollem Lauf und die Drehbewegungen schlecht für mein Knie waren.“

Wie sieht dein Training mittlerweile aus?

„Ich bin Dienstag und Mittwoch beim SportIN-Lauftreff, Samstag trainiere ich normalerweise selbst. Ich bin seit kurzem auch hin und wieder beim MTV Ingolstadt mit dabei, da ich einen Verein gebraucht habe um bei Meisterschaften zu starten. Man liest ja oft in Büchern, dass 4x eine gute Trainingsanzahl wäre, aber ich denke mir, ich schaffe das auch mit drei. Außerdem entscheide ich von Tag zu Tag und kurzfristiger, ob und wie es geht.“

Wie motiviert man sich im Alter, weiter dran zu bleiben?

„Für mich ist der Sport perfekt um fit zu bleiben, mein Gewicht zu halten und meine Gesundheit zu erhalten – das ist Motivation genug. Sie ist auch bei Wettkämpfen noch da, gut abzuschneiden und sich auch mal zu überwinden, wenn es schwer wird.“

Gibt es in den höheren AKs so etwas wie den altbekannten `Konkurrenzkampf`? Kennst du deine gleichaltrigen Kollegen und hast du dort vielleicht Freunde?

„In diesem Sinne gibt es so etwas eigentlich nicht. Es beschränkt sich allerdings schon sehr stark in diesen AKs, von daher kennt man sich natürlich mittlerweile. Mein Sportlerfreunde sind aus dem SportIN-Lauftreff, diese sind aber alle jünger als ich.“

Können Mitläufer deine Leistungen einordnen?

„Ich glaube das fängt so mit 45, 50 Jahren an, dass man ein Gefühl dafür entwickelt, wie man solche Leistungen einordnen muss. Die Jungen sind da noch zu weit davon entfernt und haben da noch nicht so die Perspektive dafür. Das ist aber auch ok für mich, als ich 25 war konnte ich das wahrscheinlich auch nicht so gut.“

Was sind deine Ziele? Misst du dich noch an Zeiten?

„Ich möchte weiterhin gerne an Laufcups und auch Halbmarathons teilnehmen, um mich mit Gleichaltrigen messen zu können. Konkret sind das in diesem Jahr der Ingolstädter Halbmarathon und eventuell die bayerische HM-Meisterschaft.

An absoluten Zeiten kann ich mich nicht messen. Mir geht es darum meine Leistung aus dem Vorjahr zu halten. In diesem Jahr konnte ich bei den ersten drei Cupläufen schneller sein als vor zwei Jahren. Eigentlich habe ich mich sogar verbessert über die Zeit, trotz meines Alters, wo man doch eigentlich meine sollte man wird langsamer (lacht).“

Was war dein größter Erfolg?

„In den letzten beiden Jahren habe ich sowohl den SportIN-Laufcup als auch den Laufcup der Neuburger Rundschau sowie den Thermen-Halbmarathon in Bad Füssing in meiner Altersklasse gewonnen.“

Was bedeutet Laufen für dich?

„Laufen ist für mich ein wunderschönes Hobby und eine sehr sinnvolle Freizeitgestaltung. Es bedeutet für mich auch Gespräche mit Gleichgesinnten und Austausch. Es ist aber auch die Herausforderung beim Wettkampf, die mich reizt.“

Was hat der Sport dich gelehrt?

„Wohl, dass man sich von Krankheiten und Verletzungen nicht unterkriegen lassen darf und einfach weiter dranbleiben muss. Es ist nicht so, dass ich bei den Wettkämpfen immer locker meine Altersklasse gewinne, da ist schon Kampf dabei und nicht immer nur Spaß. Aber ein vernünftiger Kampf. Ich beiße mich dann durch und motiviere mich: `Du schaffst es.` 

Außerdem habe ich erst seit einem knappen Jahr eine Laufuhr. So habe ich über die Jahre ein sehr gutes Gefühl der Laufgeschwindigkeit und Distanz entwickelt und kann zum Beispiel relativ gut sagen, dass der Schnitt gerade so um die 6:00 sein muss.“

Was würdest du vielleicht sportlich anders machen?

„Vielleicht würde ich schon früher mit den längeren Laufdistanzen beginnen. Dann wäre vielleicht ein Marathon mal drin gewesen, aber jetzt will ich mir das nicht mehr antun.“

Was wünschst du dir für den Sport der Zukunft?

„Ich wünsche mir besonders faire Wettkämpfe ohne Dopingskandale. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, den Breitensport noch viel mehr zu fördern – es gibt halt noch viel mehr als nur Bundesliga-Fußball. Es wäre schön, wenn über Jugendsport und regionale Ereignisse noch mehr berichtet werden würde. Und vielleicht kann man ja mal bei einer Siegerehrung mit den hohen AKs beginnen und dann noch bei den Damen – das wäre doch mal was (lacht). Für mich persönlich wünsche ich mir ganz einfach, dass ich verletzungsfrei bleibe.“

Abschließend unsere letzte Frage – bist du beim Halbmarathon Ingolstadt am Start?

„Ich möchte gerne laufen. Aber im Alter kann immer und schnell etwas dazwischen kommen. So war ich beispielsweise letztes Jahr verletzungsbedingt nicht am Start. Deshalb bleibe ich immer etwas pessimistisch und melde mich auch vorher nicht an. Ich helfe seit einigen Jahren bei der Startnummernausgabe mit, da habe ich den kurzen Draht und kann mich spontan nachmelden. Wenn ich starte, peile ich die 1:45h-Marke an.“

Lieber Helmut, ich und das Team vom Donau Run ziehen den Hut vor so viel Engagement, Ehrgeiz und deiner sportlichen Leistung mit stolzen 71 Jahren. Danke für deine Zeit und deine Einblicke. Wir wünschen dir noch viele glückliche und gesunde Läufe. 

[Sebi]

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